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Blogging-Wahlkampf: «Die Bedeutung der Blogosphere ist größer als sich manche wünschen» - Interview mit Jürgen Marks, Chefredakteur Focus Online (exklusiv)
23.06.2005 10:59 Uhr
In der vergangenen Woche startete Focus Online ein neues Angebot mit sieben Weblogs von prominenten Autoren. Silvana Koch-Mehrin, Ursula von der Leyen, Andrea Nahles und Oswald Metzger schreiben über Politik und aus Sport und Medien stehen Carlo Thränhardt, Golf-Profi Alex Cejka und Internet-Guru Ossi Urchs Rede und Antwort. Wie kam es zu der Idee? Und welchen Einfluss haben Weblogs auf die politische Meinungsbildung? Jürgen Marks, Chefredakteur von Focus Online, sprach mit medienhandbuch.de über die Entwicklung des Blogging in Deutschland und die Bedeutung der Blogosphere im Vorfeld der vorgezogenen Bundestagswahlen...
In der vergangenen Woche startete Focus Online ein neues Angebot mit sieben Weblogs von prominenten Autoren. Silvana Koch-Mehrin, Ursula von der Leyen, Andrea Nahles und Oswald Metzger schreiben über Politik und aus Sport und Medien stehen Carlo Thränhardt, Golf-Profi Alex Cejka und Internet-Guru Ossi Urchs Rede und Antwort. Wie kam es zu der Idee? Und welchen Einfluss haben Weblogs auf die politische Meinungsbildung? Jürgen Marks, Chefredakteur von Focus Online, sprach mit medienhandbuch.de über die Entwicklung des Blogging in Deutschland und die Bedeutung der Blogosphere im Vorfeld der vorgezogenen Bundestagswahlen...
"Wir haben keine Leute gesucht, die ihr Partei-Programm nachbeten."
medienhandbuch.de: Sie haben in der vergangenen Woche sieben Weblogs im Rahmen Ihres Online-Angebots ins Leben gerufen. Woher kam die Idee zu diesem prominenten Blog-Forum?
Jürgen Marks: Wir haben die spannende Entwicklung der Weblogs in den USA einige Zeit beobachtet. Bei den amerikanischen Präsidenten-Wahlen haben die Blogs auch Ihre politische Relevanz bewiesen. Mit unserem Blog-Projekt wollten wir auf einen vielversprechenden Trend im Internet setzen. Die vorgezogene Bundestagswahl hat das Projekt noch spannender gemacht.
medienhandbuch.de: Nach amerikanischem Vorbild sind Wahlen ein beliebtes Thema. Auch in Deutschland gibt es nun Angebote wie "wahlblog05.de" der Initiative iDemokratie oder "blognrw.spd.de" als parteipolitisches Beispiel für Blog-Wahlkampf-PR. Welche Gefahren sind mit einer derartig personalisierten und u.U. auf Imitation von Authentizität basierenden politischen Information verbunden?
Jürgen Marks: Wer einen Blog liest, muss wissen, wer der Autor ist. Blogs sind subjektiv, eine sehr persönliche Ausdrucksform. Sie sollten sich nicht den Anschein der Überparteilichkeit geben. Sie sind aber ein tolles Forum für Meinungen und Diskussionen.
"Eine sehr persönliche und interaktive Ergänzung unserer Berichterstattung aus Fakten und Nutzwert."
medienhandbuch.de: Mit Silvana Koch-Mehrin, Ursula von der Leyen, Andrea Nahles und Oswald Metzger beschränken Sie sich bei der Auswahl der politischen Autoren auf vier Parteien. Wie kam es zu der Personenauswahl?
Jürgen Marks: Ein wichtiges Auswahlkriterium war für uns das eigenständige Profil. Wir haben keine Leute gesucht, die ihr Partei-Programm nachbeten. Unsere Politik-Blogger haben alle einen sehr eigenständigen Kopf und eine Meinung, die nicht immer der Parteilinie entspricht. Dabei haben wir uns zunächst auf die vier im Bundestag vertretenen Parteien konzentriert.
Politik ist ein wichtiges Blog-Thema - aber nicht das einzige. Unsere Sport-Blogger Carlo Thränhardt und Golf-Profi Alex Cejka erfreuen sich ebenfalls eines regen User-Zuspruchs. Und auch Ossi Urchs ist als Multimedia-Experte wichtig. Noch im Juli werden wir weitere Blogs zu anderen Themen starten.
medienhandbuch.de: Wie ergänzen die Blogs das Angebot von Focus Online? Was sollen die Blogs Ihren Lesern bieten?
Jürgen Marks: Eine sehr persönliche und interaktive Ergänzung unserer Berichterstattung aus Fakten und Nutzwert. FOCUS Online wird durch die Blogs kompletter. Ein Beispiel: Während wir nachrichtlich über die Steuersenkungs-Ideen der FDP berichten, bloggt Silvana Koch-Mehrin ihre Sicht der Dinge. Die User können dann im Blog mit dem FDP-Präsidiumsmitglied diskutieren. Und wenn die SPD-Linke Andrea Nahles anderer Ansicht ist, was ich vermute, dann schreibt sie es aus persönlicher Sicht in ihr Weblog. Wir bieten unseren Nutzern im Wahlkampf an, ganz nah an den Politikern dran zu sein.
"Die Bedeutung der Blogosphere ist größer als sich manche wünschen."
medienhandbuch.de: Der "Fall Jamba" gilt als klassisches Blogger-Beispiel für ein "Hochschaukeln" der Berichterstattung durch blogspezifische Verlinkungen und Vernetzungen. Ein zunächst kleiner "Aufklärungsartikel" im Weblog "Spreeblick" rief demnach - verstärkt durch misslungene Krisen-PR - eine große Anzahl von Google-Einträgen und darüberhinaus zahlreiche Artikel in Wirtschafts- und Fachpresse hervor. Wie schätzen Sie grundsätzlich die Wirkung von Blogs auf die mediale
Berichterstattung und die öffentliche Meinungsbildung ein?
Jürgen Marks: Die Bedeutung der Blogosphere ist größer als sich manche wünschen. Zahlreiche Blogger haben es sich zur Aufgabe gemacht, Beiträge und Aussagen etablierter Medien und Unternehmen zu kontrollieren. Hinter diesen Watchblogs stehen oft gute Journalisten, die nach einer neuen Ausdrucksform gesucht haben. Man kann diese Watchblogs nicht totschweigen, man muss sie ernst nehmen. Sie verbreiten ihre Themen in rasender Geschwindigkeit im Netz. Watchblogs sind eine neue Kontrollinstanz. Und wenn die Kritik fair vorgetragen wird, finde ich diese Entwicklung gut.
medienhandbuch.de: Blogs benötigen keinen V.i.S.d.P. und sind Journalismus- und Gatekeeper-Standards gegenüber nicht verpflichtet. Sie bieten nun Privatpersonen ein Forum innerhalb Ihres Online-Angebots und fassen damit mehrere Blogs unter einem Dach zusammen. Welchen grundlegenden Richtlinien unterliegen diese?
Jürgen Marks: Unter allen Blogs haben wir vermerkt, dass ausschließlich der Autor für den Inhalt dieser Seite verantwortlich ist. Weiter heißt es dort: "Die hier vertretenen Meinungen sind die des Autors und stehen nicht für die Meinung von FOCUS Online." Selbstverständlich gelten die Richtlinien der freien Meinungsäußerung im Rahmen des Grundgesetzes. Alle User-Kommentare werden von unseren Webmastern vor der Freischaltung überprüft.
"Blogs sind eine Ergänzung meiner täglichen Info-Welt geworden."
medienhandbuch.de: Ebenfalls in der vergangenen Woche wurde in Berlin die "Spreeblick Verlag KG" gegründet, die verschiedene Blogs verlinkt und vermarktet. Wie beurteilen Sie die Entwicklung von Weblogs in Deutschland? Auch im Bezug auf deratige Synergie-Entwicklungen und journalistische Standards?
Jürgen Marks: Deutschland steht mit etwa 200.000 Weblogs erst am Anfang eines Trends. In Frankreich soll es schon zwei Millionen Blogs geben. Die Zahl der deutschen Online-Tagebücher wird in den nächsten Jahren rasant steigen. Wie in den USA werden sich Weblog-Betreiber nach Talenten in der Blogosphere umschauen und gute, reichweitenstarke Blogs monetarisieren. Der Spreeblick-Verlag versucht, sich frühzeitig in diesem neuen Markt zu platzieren. Das finde ich clever.
medienhandbuch.de: Welche Rolle spielen Weblogs in Ihrer journalistischen Arbeit? Haben Sie ein Lieblingsblog oder einen Geheimtipp?
Jürgen Marks: Blogs sind eine Ergänzung meiner täglichen Info-Welt geworden. Ich habe die Feeds einiger Weblogs abonniert, weil mich Einschätzungen und Meinungen interessieren. Zu meinen Lieblings-Blogs gehört "autoblog.com", das mit attraktiver Optik aus der automobilen Welt berichtet.
Das Gespräch mit Jürgen Marks führte Tobias Winkler.
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Tobias Winkler
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