Hörbücher haben Hochkonjunktur
«Das Hörbuch ist mehr als ein zusätzliches Format für geschriebene Texte» - Interview mit Gudrun Bolduan (exklusiv)
10.11.2005 08:48 Uhr
Hörbücher haben Hochkonjunktur. Immer mehr Literatur wird auch als Audio-Version produziert. Schon vor 50 Jahren entwickelt, feiert die gesprochene Literatur seit Mitte der 90er große Erfolge. medienhandbuch.de sprach mit der Geschäftsführerin des Verleger-Ausschusses des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gudrun Bolduan, über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des Hörbuches. ...
Hörbücher haben Hochkonjunktur. Immer mehr Literatur wird auch als Audio-Version produziert. Schon vor 50 Jahren entwickelt, feiert die gesprochene Literatur seit Mitte der 90er große Erfolge. medienhandbuch.de sprach mit der Geschäftsführerin des Verleger-Ausschusses des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gudrun Bolduan, über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des Hörbuches. ...
medienhandbuch.de: In den vergangenen Jahren ist der Verkauf von Hörbüchern stetig angestiegen. Sind sie doch eine einfache Art, sich Literatur zu Gemüte zu führen. Wann haben die Verlage entdeckt, dass sich Hörbücher verkaufen? Wie war die Entwicklung?
Gudrun Bolduan: Das Hörbuch als literatur- und informationstragendes Medium ist so neu nicht: Als leider schnell verpuffte Initialzündung müssen die Sprechplatten der 50er Jahre gesehen werden, die ursprünglich für Blinde konzipiert waren, sich aber auch im sehenden Teil der Bevölkerung großer Beliebtheit erfreuten. Das aufkommende Fernsehen jedoch unterbrach diese positive Entwicklung. Erst mit der Erfindung der Musikkassette haben führende Belletristik-Verlage damit begonnen, Hörspiele und Lesungen auf dieses tragbare Medium zu bringen. Die CD als Träger bot den Vorteil der höheren Tonqualität, einer großen Speicherkapazität und einem guten Preis-Wert-Verhältnis. Mitte der 90er Jahre kam der endgültige Durchbruch des Hörbuchs auf dem deutschen Markt. Der Begriff des Hörbuchs beinhaltet heute gesprochene Literatur in tragbarer Form aller Art, egal ob als Lesung, Hörspiel, Feature.
medienhandbuch.de: Welche Titel stehen derzeit ganz oben auf den Bestsellerlisten und wie groß ist der Anteil von Hörbüchern am Umsatz der Verlage?
Gudrun Bolduan: Die Bestsellerlisten Hörbuch ähneln denen der gedruckten Belletristik: Es finden sich u.a. dort die Schnelldreher Dan Brown, J.K. Rowling, Ken Follet und Paolo Coelho. Allerdings erleben einige Titel eine Art zeitversetzte Renaissance: Klassiker wie Arthur Schnitzler oder Jane Austen verkaufen sich in der Hörbuchfassung auch Jahrzehnte später erneut gut. Hier wird deutlich, in welchem Ausmass es sich bei Hörbüchern um eigenständige Produktionen handelt.
Eine pauschale Aussage über die Umsätze des Hörbuchsegments im Beziehung auf die Verlagsumsätze allgemein lässt sich nicht treffen, da es ja auch viele unabhängige Hörbuchverlage gibt, die nicht zu einem der großen Belletristikverlage gehören.
medienhandbuch.de: Woran liegt es, dass Hörbücher Hochkonjunktur haben?
Gudrun Bolduan: Das Hörbuchsegment gewinnt zunehmend an Bedeutung, da sich die Bedürfnisse der Menschen mitsamt ihrer Lebensverhältnisse gewandelt haben. Monotone Phasen des Alltags sollen nicht mehr ungenutzt verstreichen, frei nach dem Motto "Double your Time - Speed up your Life informieren und unterhalten Hörbücher die Scharen der Pendler, Jogger oder Hausmänner wie -frauen.
medienhandbuch.de: Bedeutet ein höherer Absatz von Hörbüchern gleichzeitig einen Rückgang der Verkaufszahlen des gedruckten Buches?
Gudrun Bolduan: Nein. Die Verkaufsprognosen für 2005 in beiden Bereichen sind optimistisch und weisen auf stabile Zuwachsraten hin. Von einer Kannibalisierung des Buchmarktes im weiteren Sinne kann also nicht gesprochen werden.
medienhandbuch.de: Wie sind die zukünftigen Erwartungen der Verkaufszahlen von Hörbüchern? Wird der Erfolg anhalten?
Gudrun Bolduan: Die Prognosen sind gut, aber längerfristige Voraussagen sind schwer zu treffen. Grob würde ich ein Einpendeln auf 10 % für wahrscheinlich halten.
medienhandbuch.de: Ich könnte mir vorstellen, das viele klassische Leser dem Hörbuch eher negativ gegenüberstehen, da es natürlich einfacher ist, sich etwas vorlesen zu lassen. Greifen Kunden zum Audio-Format, weil sie zu faul sind, selber zu lesen?
Gudrun Bolduan: Von Faulheit kann in diesem Zusammenhang nicht gesprochen werden, das wäre vermessen. Vorstellungskraft und geistige Flexibilität werden auch bei gehörter Literatur gefordert, das "Kopf-Kino bleibt als aktives Moment der Rezeption erhalten. Letztlich ist ja auch die Frage nach dem Trägermedium zweitrangig, so lange es Rezipienten für Literatur gibt, seien es nun Leser oder Hörer. Knapp die Hälfte aller Hörbuchhörer sind laut einer aktuellen Studie des Meinungsforschungsinstituts IPSOS Träger eines höheren Bildungsabschlusses. Menschen also, die oftmals karriereorientiert sind, unter Zeitnot leiden und mittels des Hörbuchs ihre kostbare Zeit doppelt nutzen.
Nicht zu vergessen ist auch, dass es sich bei den Hörbüchern oft auch um mehr handelt, als um eine Ein-Lesung der gedruckten Bücher. Der Text wird bearbeitet, den Bedürfnissen des Mediums über Kürzungen, Bearbeitungen und zusätzliche Effekte angepasst. Das informierende Hören wird im Feature oftmals unterstützt durch O-Töne oder ähnliches. Kurzum: Das Hörbuch ist mehr als ein zusätzliches Format für geschriebene Texte.
medienhandbuch.de: Nicht jedes traditionelle Buch erscheint auch als Hörbuch. Wer entscheidet, welche Bücher auch als Audio-Version produziert werden?
Gudrun Bolduan: Die Hörbuchverlage produzieren die Hörbücher, die sie für realisierbar, erfolgversprechend und auf dem Markt durchsetzbar halten. Wer genau die Programm-Entscheidungen trifft, hängt nicht zuletzt auch von der Größe des Hörbuchverlages ab.
Bei Hörbuchlabels, die an einen Buchverlag angegliedert sind, findet oftmals eine Weitergabe dieser werknahen Nutzungsrechte statt, und die Labels profitieren von bereits vorhandenen Lizenzen.
medienhandbuch.de: Wird die Zeit kommen, wo es nur noch CD Schränke mit Hörbüchern gibt und das gute alte Bücherregal ausgedient hat? Anders gefragt: wird das Hörbuch die gedruckte Version ersetzen? Kann es das überhaupt?
Gudrun Bolduan: Die CD zumindest wird als Trägermedium für Literatur dem Buch den Rang nicht ablaufen können. Dazu eine Zahl: 71 % der Befragten waren in der obengenannten Studie der Auffassung, Hörbücher könnten niemals das Lesevergnügen ersetzen.
Meiner Meinung nach haben sich die Offlinemedien in ihrem Konkurrenzgefüge weitestgehend eingependelt. Das Hörbuch hat eher für neue Käuferschichten gesorgt, als dass es die alten geschmälert hätte. Was allerdings noch ein wenig im Argen liegt, ist die Antwort auf die Frage, welche Veränderungen die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung mit sich bringt.
Das Interview mit Gudrun Bolduan führte René Lork
www.medienhandbuch.de
René Lork
r.lork@medienhandbuch.de
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