Werbemodelle wie Pre- und Post-roll Spots werden ihre Berechtigung haben
Das Phänomen IPTV und WebTV ist so konkret, dass sich jeder damit auseinandersetzen muss (exklusiv)
28.08.2008 10:07 Uhr
Eine neue Studie zu WebTV und die darin formulierten Kernthesen sorgen für Aufsehen. medienhandbuch.de sprach mit Alexander Mogg, Autor der Studie und Partner im Kompetenzzentrum InfoCom bei Roland Berger Strategy Consultants:
medienhandbuch.de:
Sie haben in ihrer neuen Studie "WebTV insights and perspectives - A web 2.0 phenomenon is coining new TV usage patterns" neun Kernaussagen aufgestellt, die wir gerne näher hinterfragen würden. Aber zuvor: Wie ist die bisherige Reaktion auf die Studie?
Alexander Mogg:
Wir bekommen aus allen Richtungen hervorragendes Feedback. Das zeigt uns, dass wir mit dem Thema und den Aussagen einen Nerv der aktuellen Diskussionen getroffen haben.
medienhandbuch.de:
WebTV spielt laut ihrer Studie bereits heute eine Schlüsselrolle im Web Entertainment. Als einen Beleg geben sie die Zahl von 10 Milliarden Videos an, die bisher online gesehen wurden. Wie kommen Sie auf diese Zahl? Haben sie Daten zur Progressivität des Web-TV-Marktes in den letzten beiden Jahren?
Alexander Mogg:
Die Zahl von 10 Milliarden bezieht sich auf die aktuell monatlich in den USA gesehenen Online Videos und stammt vom renommierten Online Research Institut ComScore. Die WebTV Nutzung hat sich dabei in den letzten Jahren weltweit sehr dynamisch entwickelt – sowohl was die Anzahl der Nutzer als auch die Nutzungsintensität betrifft. So wuchs die absolute Anzahl gesehener Videos in den USA allein in 2007 um 66%. In Deutschland stieg die WebTV Nutzerbasis von April 2007 auf Januar 2008 von 70% auf 80% der ohnehin wachsenden Online Population an.
medienhandbuch.de:
Wie sieht die Entwicklung hier speziell in Deutschland aus?
Alexander Mogg:
WebTV ist in Deutschland sehr schnell auf dem Vormarsch. Das liegt zum einen daran, dass wir Deutschen im Internet grundsätzlich versiert sind und dass unsere Infrastruktur (DSL, Kabel, Mobilfunk) inzwischen recht gut ausgebaut ist. Also beste Voraussetzungen für die YouTube's dieser Welt. Zum anderen gibt es in Deutschland inzwischen auch reichlich kommerziell betriebene Plattformen der TV-Sender (RTLnow, maxdome, MyVideo, die Mediatheken von ARD und ZDF etc.). Und auch Print-Medienhäuser (z.B. Bild, Spiegel online, fast sämtliche Tageszeitungen) habe alle Bewegtbild-Elemente auf ihren Portalen.
medienhandbuch.de:
Der größte Teil des WebTV-Angebots dürfte laut ihrer Studie auch in Zukunft kostenlos bleiben. Können Sie das näher erläutern?
Alexander Mogg:
WebTV definiert sich heute noch sehr stark über eine "Clip-Kultur". d.h., eher kurze (bis 5 Minuten) Videosequenzen. Hinzu kommt der sehr hohe Anteil an privaten Videos. Diese Plattformen haben sich primär über werbefinanzierte, reichweitenbasierte Geschäftsmodelle formiert. Eine entsprechende zuschauerstarke Plattform kann also durchaus einen signifikanten Umsatz aus Werbung erwirtschaften.
Grundsätzlich erwarten wir einen Mix aus frei verfügbaren, werbefinanzierten Angeboten und Bezahlinhalten. Hier wird sich jeder Markt je nach regionalen Strukturen etwas unterschiedlich sortieren. Premium-Angebote, wie neueste Hollywood Filme oder Top-Sport, werden dabei immer ein hohes Potenzial für ein Bezahlmodell haben.
medienhandbuch.de:
Kurze Formate und bedarfsweiser Zugang werden laut ihrer Studie dafür sorgen, dass WebTV zügig Einzug in mobile Endgeräte findet. Die Verlage Burda und Holtzbrinck, der Internetpionier Paulus Neef und der südafrikanische Konzern Naspers, die Mobile 3.0-Fernsehen per Mobiltelefon eigentlich bereits zur Fußball-EM hatten möglich machen wollten, sind laut bild.de gerade dabei, ihre Pläne zu beerdigen. Wie passt das?
Alexander Mogg:
Zu einer Nachfrage auf Verbraucherseite gehört immer ein funktionierendes Geschäftsmodell auf Anbieterseite. Hier muss bei Mobile-TV noch nachgelegt und das richtige Model entwickelt werden. Zudem ist hier zu differenzieren zwischen Mobile TV (lineares TV Broadcasting auf das mobile Endgerät nach dem Modell von DVB-H und DVB-T) und -Mobile Video (mobiles Video Streaming aus dem Internet). Die Nutzung von Mobile Video ist auch in Deutschland stark auf dem Vormarsch. Eine relevante Marktdurchdringung ist jedoch erst mit der Diffusion von Flat Rates sowie dem Roll-Out neuer mobiler Breitbandtechnologien (LTE ab 20210) zu erwarten.
medienhandbuch.de:
Durch integrierte Endgeräte wird WebTV zu einem festen Bestandteil des Home Entertainment. Wann kommen diese Multimedia-Schweizermesser ihrer Meinung nach auf den Markt?
Alexander Mogg:
Das wird nicht mehr all zu lange dauern, da wir heute schon erste gute Lösungen, wie WebTV auf den Fernseher kommt, im Markt haben. Erfolgsfaktor hierbei wird wie immer Entscheidungssicherheit in der Technologie, die Einfachheit der Installation und Benutzung sein, damit die Verbraucher auf breiter Front auf den Zug aufspringen werden.
medienhandbuch.de:
Traditionelle Medienunternehmen und Telekommunikationsanbieter müssen laut ihrer Studie jetzt reagieren, "um zu verhindern, dass WebTV-Unternehmen ihre Marken beim Verbraucher zu sehr etablieren". Wenn man sich so umschaut, tun sie dies das doch bereits sehr mannigfaltig. Wie sehen Sie hier speziell bei den deutschen Verlagshäusern den Status quo?
Alexander Mogg:
Fast ausnahmslos alle Verlagshäuser setzten sich irgendwie mit Bewegtbild über Internet auseinander. Um aber in der multimedialen Vielfalt, die sich immer stärker beim Verbraucher manifestiert, wirklich durchzudringen, brauche ich ein gut orchestriertes Zusammenspiel aus Produkt, Marke und Marketing. Hier fehlt es in der Regel noch an Stringenz in der Umsetzung. Da dieser Markt noch jung ist, ist es aber auch noch nicht zu spät! Jetzt ist das Phänomen IPTV & WebTV aber doch so konkret, dass sich jeder Player damit aktiv auseinandersetzen muss.
medienhandbuch.de:
Reaktion und Qualität sind nicht immer eins! Was halten sie von dem Gros der aktuellen Online-TV-Angebote von deutschen Medienunternehmen. Wo sehen sie Optimierungsbedarf?
Alexander Mogg:
Grundsätzlich muss man sich von einem tradierten, normierten Qualitätsbegriff lösen! Der Erfolg von YouTube hat gezeigt, dass unterschiedliche Segmente Qualität in der Unterhaltung völlig unterschiedlich definieren. Die Medienindustrie muss stärker als je in diesen unterschiedlichen Segmenten denken und sich die Segmente heraussuchen, die der einzelne Anbieter eben am besten adressieren und monetarisieren kann. Die Qualität des Angebots muss sich dann an den Erwartungen der Zielsegmente orientieren.
medienhandbuch.de:
Web-TV, Analog-TV, Digital-TV. Wann werden ihrer Meinung nach die verschiedenen Plattformen gleichberechtigt im Angebot sein und mit wie vielen "empfangbaren" Sendern rechnen sie dann?
Alexander Mogg:
IPTV & WebTV bieten heute schon eine ungewohnte Vielfalt, die stetig wächst und sich weitere ausdifferenziert. Die Erwartung ist, dass wir künftig in WebTV-Angebote reinzappen, die sich auf spezielle Themenfelder spezialisiert haben. Der Verbraucher wird zwar immer mündiger im Umgang mit den digitalen Medien, wird aber gerade wegen der Vielfalt immer für Orientierung dankbar sein.
medienhandbuch.de:
Wird Web-TV auch zu neuen Werbeformen führen oder werden die bestehenden Werbeformen eher "verschmelzen"?
Alexander Mogg:
Wir werden hier eine Kombination aus alt und neu erleben. Bewährte Werbemodelle wie Pre- und Post-roll Spots werden auch künftig ihre Berechtigung haben. Und wir werden neue Werbeformate bekommen, die sich eben an den Möglichkeiten und Rahmenbedingungen von WebTV ausrichten werden. Interaktivität wie wir sie ja schon ansatzweise von BSkyB in England kennen wird jetzt erst richtig möglich. Hier erwarten wir einen Schwung an innovativen und – vor allem – auch für den Zuschauer attraktiven Werbeformaten.
Das Interview mit Alexander Mogg führte Oliver Hein-Behrens.
Link auf die Studie
http://www.rolandberger.com/
medienhandbuch.de
chefredaktion@medienhandbuch.de
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