Das neue Online-Frauenmagazin
Die typische Miss Tilly-Leserin ist weder Hardcore-Emanze noch Tussi oder Prinzesschen - Interview mit Bärbel Kerber (exklusiv)
05.07.2007 08:55 Uhr
Vor einem halben Jahr ging das neue Frauenmagazin "Miss Tilly" online. medienhandbuch.de sprach mit Bärbel Kerber, der Chefredakteurin des Online-Magazins, warum und wie sich Miss Tilly von klassischen Frauenzeitschriften unterscheidet:
Vor einem halben Jahr ging das neue Frauenmagazin "Miss Tilly" online. medienhandbuch.de sprach mit Bärbel Kerber, der Chefredakteurin des Online-Magazins, warum und wie sich Miss Tilly von klassischen Frauenzeitschriften unterscheidet:
medienhandbuch.de:
Wenn ich "Miss Tilly" höre, denke ich sofort an die Dame aus der Spülmittel-Werbung in den 70gern, die ihrem Gegenüber einen guten Tipp gegen Spülhände gibt. Miss Tilly nimmt dann eine Hand der Frau von Gegenüber und tunkt sie in ein Glas mit reinem Palmolive.
Das neue Online-Frauenmagazin heißt auch "Miss Tilly". Wie kam es zu der Namensgebung?
Bärbel Kerber:
Gratuliere! Sie sind einer der wenigen, die gemerkt haben, worauf wir anspielen wollen. Soll heißen: Ja, genau an die "Tilly" haben wir bei der Namensgebung gedacht, weil für uns die Palmolive-Werbung und eben die Tilly stellvertretend für das traditionelle Frauenbild stehen - und mit diesem überholten Klischee wollen wir bei Miss Tilly spielen. Wir möchten die Rollenklischees augenzwinkernd auf den Arm nehmen, wir wollen selbstbewusst andere Themen als Schönheit und Mode behandeln, ohne dabei nach Feministenmanier mit dem erhobenen Zeigefinger auf andere zu schimpfen. Humor ist für uns bei Miss Tilly wichtig.
Wir haben natürlich auch bei Frauen unterschiedlichsten Alters und Herkunft herum gefragt, was sie mit dem Namen "Miss Tilly" assoziieren. Nun, die wenigsten dachten an die Palmolive-Tilly - die jüngeren und die ostdeutschen Frauen kennen diese meist auch gar nicht. Dass wir es dennoch bei dem Namen belassen haben, liegt an dem rundweg positiven Feedback: Die meisten verbanden mit "Miss Tilly" etwas Frisches und Pfiffiges - und damit können wir bestens leben.
"Miss Tilly ist die erwachsen gewordene Pippi Langstrumpf."
medienhandbuch.de:
Sie sind die Chefredakteurin von Miss Tilly. Wie fühlen Sie sich als Miss Tilly?
Bärbel Kerber:
Eigentlich sind alle unsere Autorinnen im Team "Miss Tillies". Und wir sehen uns - und somit "Miss Tilly" - als selbstbewusst, humorvoll, neugierig und respektlos. Nennen wir sie ruhig mal die "erwachsen gewordene Pippi Langstrumpf".
medienhandbuch.de:
Was nervt Sie an Frauen-Zeitschriften?
Bärbel Kerber:
Ärgerlich finde ich, dass sie die Frauen in ihren Bedürfnissen nicht wirklich ernst nehmen und ein Bild transportieren, als ob wir Weiber nur an unserem Äußeren interessiert sind und daran, wie wir uns einen Partner erjagen. Die traditionellen, etablierten Frauenzeitschriften ereifern sich mehr als erträglich in Schminktipps, Diesmal-klappt's-wirklich-Diäten und Flirtratgebern. Nicht, dass mich Mode und schicke Kleidung nicht interessiert. Aber wir Frauen sind vielschichtiger und haben auch Interesse an politischen und sozialen Themen.
medienhandbuch.de:
Wie sieht auf dieser Grundlage das redaktionelle Konzept von Miss Tilly aus?
Bärbel Kerber:
Wir wollen die gebildete, emanzipierte Frau bedienen, die sich von üblichen Frauenmagazinen gelangweilt, nicht angesprochen und nicht ernst genommen fühlt. - Wollen wir wirklich die 273. Diät, den 55. Flirtratgeber und Schminktipps, Kosmetikreklame ohne Ende? Die wenigsten haben dazu Lust. Und jene, denen die feministischen Printtitel zu verbissen und einseitig daher kommen.
Es fehlt weit und breit an Alternativen zu traditionellen Frauenmagazinen. Diese Lücke wollen wir schließen.
medienhandbuch.de:
Wie sieht die typische Leserin von Miss Tilly aus?
Sie ist weder Hardcore-Emanze noch Tussi oder Prinzesschen. Sie ist etwa zwischen 20 und 55 Jahre alt, selbstbewusst und gebildet - so wie unsere Autorinnen. Sie weiß, was sie will und setzt das durch, ohne auf die Mädchen- bzw- Frauenmasche zurückzugreifen.
medienhandbuch.de:
Wenn der Bezug zu dem Testimonial stimmt und gewollt ist, wie bringen Sie das mit dem Bild Ihrer typischen Leserin in Übereinkunft?
Bärbel Kerber:
Die Miss Tilly-Leserin erkennt es als das, was es ist: nämlich als ironische Anspielung - und sie sieht es mit einem Augenzwinkern.
"Wir haben unter Männern ausgemachte Fans."
medienhandbuch.de:
Mit "Männerecke" sowie "Kerle & Küche" nehmen zwei der insgesamt 17 Rubriken direkten Bezug zum anderen Geschlecht? Spielen Männer als Zielgruppe auch eine Rolle? Oder besser gesagt, was nimmt ein Mann von Miss Tilly mit, wenn er sich regelmäßig mit den Inhalten des Online-Magazins auseinandersetzt?
Bärbel Kerber:
Dass Männer heimlich Frauenzeitschriften lesen, wissen wir doch alle. Im Ernst: Wir haben unter den Männern ausgemachte Fans. Das geht so weit, dass schon besorgt nachgefragt wurde, ob da bei uns nicht etwas schiefläuft, weil Männer so auf Miss Tilly fliegen. Das verneinen wir standhaft.
Außerdem können Männer, die Miss Tilly lesen, erfahren, woran Frauen interessiert sind, was sie beschäftigt und worüber sie lachen.
medienhandbuch.de:
Haben Sie persönlich eine Lieblingsrubrik?
Bärbel Kerber:
Ja, unser Wochenrückblick "War was?" Aber nicht, weil ich die selbst schreibe. Sondern weil das eine Idee von mir ist, die ich schon sehr viele Jahre mit mir herumtrage und als freie Journalistin lange vergeblich versucht hatte, bei den etablierten Frauen-Printmagazinen unterzubringen. Aus Gesprächen mit vielen Frauen weiß ich: Oft fehlt über Job und Haushalt, Familie und all die Verpflichtungen am Ende des Tages die Zeit, sich über die wichtigsten Nachrichten auf dem Laufenden zu halten. Da soll das "War was?" auf die Sprünge helfen. Die bisherige Resonanz darauf gibt uns übrigens Recht.
"Polygam? Ich denke, das macht schon jede Frau für sich richtig..."
medienhandbuch.de:
Lesen & Leben ist das Motto von Miss Tilly. Wie stellt sich Miss Tilly den idealen Partner vor?
Bärbel Kerber:
Hm, der ideale Partner? Die Frage ist eigentlich nicht fair - denn ich bzw. wir Frauen wollen umgekehrt ja auch nicht an einem Idealbild gemessen werden. Lassen Sie es mich trotzdem versuchen: Nicht zu perfekt soll er sein, einen, mit dem man auch streiten und sich reiben kann. Intelligent und witzig. Der Traumpartner ist einer, der das Beste in einem zum Vorschein bringt. Und einer, der einem bei aller Nähe auch Raum lässt. Und schon sind wir beim nächsten Stichwort: Polygam? Ich denke, das macht schon jede Frau für sich richtig...
medienhandbuch.de:
Warum wird Miss Tilly nicht wie ein regelmäßig erscheinendes Magazin veröffentlicht (z.B. monatlich), sondern unterliegt quasi einer täglichen Aktualisierung?
Bärbel Kerber:
Ein Monatsmagazin funktioniert im Web nicht wirklich. Das liegt an den Spielregeln des Internets bzw. des Online-Journalismus'. Wer hier nicht regelmäßig, eben im Idealfall "täglich", Neues zeigt und bietet, wird schnell uninteressant und nicht mehr regelmäßig besucht. Das ist jedoch gar kein Nachteil. Sehen Sie, die Anzahl der Texte, die wir dadurch umgerechnet pro Monat online veröffentlichen ist nicht größer, als wenn wir eine Monatsausgabe machen würden. Es fällt dadurch auch der enorme Druck vor Redaktionsschluss weg, wie ihn 14tägige oder Monats-Magazine haben. Wir müssen nicht 25 Texte punktgenau an einem Tag fertig haben. Dadurch entspannt sich die Redaktionsarbeit. Und wir können tagesaktueller reagieren. Das sind alles nur Vorteile.
medienhandbuch.de:
Spielen Überlegungen eine Rolle, das Online-Magazin auch als Printtitel am Kiosk erscheinen zu lassen?
Bärbel Kerber:
Das ist durchaus denkbar. Üblicherweise sind es ja die Printtitel, die einen Onlineableger gründen. Also, warum nicht mal den umgekehrten Weg gehen? Der große Vorteil unseres Weges ist, dass wir zunächst mit sehr geringem finanziellen Risiko den Markt austesten können und prüfen können, wie groß das Bedürfnis nach einem Frauenmagazin wie "Miss Tilly" tatsächlich ist. Dafür müssen wir aber zunächst einmal bekannter werden. Miss Tilly ist ja noch sehr jung und erst seit einem halben Jahr online.
"Das wichtigste Ziel momentan ist, Miss Tilly bekannter zu machen."
medienhandbuch.de:
Mit dem Online-Gang des Magazins haben Sie Ihren ersten Erfolg verbucht. Wie sehen die weiteren Ziele aus, die Sie sich damit gesteckt haben?
Bärbel Kerber:
Das wichtigste Ziel momentan ist, Miss Tilly bekannter zu machen. Wir wollen nicht zu einem guten Magazin werden, das nur leider keiner kennt. Nur, wir können derzeit nur so viel in PR investieren, wie es unsere finanziellen Möglichkeiten zulassen. Wirksame Werbung aber ist teuer. Den Anfang haben wir nun alleine aus eigener Kraft geschultert. Jetzt brauchen wir unbedingt Geschäftspartner und Sponsoren, um Miss Tilly weiter betreiben und eine "Große" aus ihr machen zu können. Sobald wir einen größeren Bekanntheitsgrad haben, geht es über Online-Werbung dann auch endlich ans Geldverdienen.
Informationen zu Bärbel Kerber:
Hinter der Idee und Realisierung von Miss Tilly steckt Bärbel Kerber, geboren 1963 in Stuttgart, Journalistin, Buchautorin und Mutter von vier Kindern. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin. Ein Frauenmagazin herauszubringen, das neue Wege beschreitet, hat Bärbel Kerber schon seit zehn Jahren im Kopf.
Bevor sie sich voll und ganz "Miss Tilly" widmete, schrieb Bärbel Kerber regelmäßig als Freie Autorin für Printtitel wie Handelsblatt, Psychologie Heute, ManagerMagazin, FTD etc. Außerdem hat sie zwei Bücher geschrieben: die "Arbeitsfalle" und die "Babyfalle".
Das Interview mit Bärbel Kerber führte Stefan Linder.
Miss Tilly
Website von Bärbel Kerber
medienhandbuch.de
Stefan Linder
s.linder@medienhandbuch.de
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