medienhandbuch.de | Ein Stück näher an den Idealen der Demokratie - Wolfgang Stock über das neue Merkel-Podcast (exklusiv)



Technikbegeisterte Kanzlerin

Ein Stück näher an den Idealen der Demokratie - Wolfgang Stock über das neue Merkel-Podcast (exklusiv)

22.06.2006 09:17 Uhr

Bundeskanzlerin Angela Merkel startete als erste Politikerin weltweit ein eigenes Video-Podcast, um die Bürger direkt über ihre Poltik zu informieren. Chefredakteur ist PR-Berater und Merkel-Biograf Prof. Dr. Wolfgang Stock. Wir sprachen mit ihm über die neue Technikbegeisterung der Kanzlerin ...

Bundeskanzlerin Angela Merkel startete als erste Politikerin weltweit ein eigenes Video-Podcast, um die Bürger direkt über ihre Poltik zu informieren. Chefredakteur ist PR-Berater und Merkel-Biograf Prof. Dr. Wolfgang Stock. Wir sprachen mit ihm über die neue Technikbegeisterung der Kanzlerin ...


"Mit Video-on-demand kommen wir den Idealen der Demokratie ein Stück näher."


Herr Stock, Sie sind verantwortlich für die neue wöchentliche Videobotschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an dieser - für die Kanzlerin neuen - Kommunikationsform?

Stock: Video-on-demand macht es dank der neusten Technologien möglich, den Idealen der Demokratie näher zu kommen: Unmittelbare Information der Bürger durch die Regierenden. Das hat Angela Merkel als weltweit erste Spitzenpolitikerin realisiert. Und Interaktion: Ausdrücklich hat die Kanzlerin zu Reaktionen und Anregungen per Email aufgerufen - und auch viele Mails bekommen.


In den ersten Folgen wurden mit der Fußball-Weltmeisterschaft und dem Eltergeld eher populäre bzw. publikumswirksame Themen verarbeitet. Inwiefern eignet sich das Angebot auch für komplexere Themen?

Stock: Ist Elterngeld wirklich "populär"? Die Kanzlerin hat das Projekt in ihrem zweiten Podcast derart detailliert vorgetragen, daß ich eher Kritik befürchtete, damit würde der Zuschauer überfordert. Künftig werden wir auch mit Grafiken arbeiten und damit die Stärken des Mediums immer mehr ausspielen. Und dann kann ich Ihre Frage klar mit Ja! Beantworten: Das Medium eignet sich für komplexe Themen!


Wie würden Sie das Konzept in wenigen Worten beschreiben? Wen und was möchten Sie erreichen?

Stock: Die Bürger haben die Möglichkeit, regelmäßig und direkt von ihrer Kanzlerin zu erfahren, was diese zu wichtigen Fragen der Politik denkt und was sie plant. Umgekehrt hat die Kanzlerin damit einen Kommunikationskanal, mit dem sie sich - ungekürzt - mit ihrer Argumentation an die Bürger wenden kann.


"Die Videobotschaft der technikbegeisterten Kanzlerin schafft Berührungspunkte mit der jungen Zielgruppe."


Die Technologie richtet sich allerdings in erster Linie vor allem an das jüngere Publikum ...

Stock: Das gerade ist ein großer Vorteil aus Sicht der - technikbegeisterten - Kanzlerin: Diese Zielgruppe hat sonst nicht viele Berührungspunkte mit der Politik, liest wenig Tageszeitungen... Außerdem: Einen PC hat heute fast jeder Haushalt und das Angebot ist auch mit ISDN-Anschluß gut nutzbar - es gibt also nur eine geringe Schwelle. Freilich kann es mit einem Video-iPod viel netter und einfacher genutzt werden ...


Wie sieht denn das erste Feedback aus? Gab es Probleme - beispielsweise beim Download?

Stock: Es gab beim ersten Mal Probleme in der IT-Struktur des Bundespresseamtes bei der Bereitstellung von Dateien. Das war aber teilweise auch der großen Nachfrage geschuldet: Die erste Episode wurde mehr als eine Viertel Million mal heruntergeladen bzw. im Stream angeschaut.


Und welche Zahlen wollen Sie langfristig erreichen?

Stock: Die erste Episode wurde 211.000 mal abgerufen, die Verbreitung liegt damit oberhalb einer halben Million. Was die Zukunft bringt, werden wir sehen - das ist ein ermutigender Start, finde ich!


Die Podcasting-Technologie erlebt spätestens seit Harald Schmidts wöchentlichem Kommentar iSchmidt einen Boom - auch im professionellen Bereich. Macht die "iMerkel" Podcasting endgülltig "salonfähig" bzw. zum anerkannten Massenmedium?

Stock: Video-on-demand gehört die Zukunft, das ist für mich klar. Nach dem Video-iPod wird das Handy-TV den endgültigen Durchbruch bringen. In Asien haben wir schon durchschnittliche tägliche Nutzungszeiten von 40 Minuten ...


"Der Wechsel von 'pull' zu 'push' macht Podcasting für alle Content-Anbieter interessant."


Wie wichtig sind Anbieter wie etwa Apples iTunes oder aber podster.de und podcast.de für eine erfolgreiche Verbreitung?

Stock: Sehr wichtig: Letztlich entscheiden bequeme Portale mit vielen Servicefunktionen über die Annahme von Diensten. Niemand wird jede Woche auf die Webseite von der Kanzlerin gehen und sich manuell die neuste Episode auf seinen iPod kopieren wollen ... Aber gerade der Wechsel von "pull" zu "push" macht dieses Medium für alle Content-Anbieter so interessant!


Wie schätzen Sie den Bekanntheits- und Nutzungsgrad in Deutschland derzeit ein?

Stock: Rasant steigend, gerade in der jüngeren Bevölkerung. Umfragen zeigen, dass die derzeitige Zielgruppe zwischen 15 und 45 Jahre alt ist, ein hohes Bildungs- und Einkommensniveau besitzt, nicht nur Unterhaltung, sondern auch viel Informationen sucht - und viele Frauen darunter sind.


Laut stern kostet die Produktion der ersten vier Folgen rund 26.000 Euro. Wie interessant ist ein derartiges Informationsangebot aktuell auch für Marketingzwecke? Für welche Unternehmen würde sich eine ähnliche Kundenansprache lohnen?

Stock: Meine Firma RCC Public Affairs produziert Podcast bereits für verschiedene Branchen - mit sehr guten Erfolgen, aus Sicht der Kunden. Die Kontaktpreise sind hervorragend - vor allem, wenn Sie bedenken, dass gute Video-Podcasts nicht nur einmal angeschaut, sondern Freunden und Kollegen vorgeführt werden. Die erste Kanzlerinnen-Episode hatte einen Kontaktpreis pro Download von rund zwei Cent.


Nach den vier Folgen soll der Auftrag für die Produktion des Merkel-Podcasts ausgeschrieben werden. Werden Sie weiterhin verantwortlich sein?

Stock: Die Ausschreibung ist eine Selbstverständlichkeit: Das Beschaffungsrecht räumt einzigartigen künstlerischen Produkten wie dieser Idee nur eine sehr kurze Alleinstellung ein. Natürlich wird sich RCC Public Affairs an der ersten Ausschreibung beteiligen - ich hoffe, erfolgreich!


Viel Erfolg!

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t.winkler@medienhandbuch.de

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