Die Realität bleibt hinter den Kulissen
Gastartikel: Das Dreckigste ist heutzutage das Fernsehen selbst (exklusiv)
04.02.2010 11:09 Uhr
So genannte Dokusoaps im deutschen Fernsehen nehmen immer mehr Raum ein in den deutschen TV-Sendern. Dass sie billig und niveaulos sind, ist schon schlimm genug. Noch schlimmer ist nur, wie gelackmeiert oftmals die Protagonisten solcher Sendungen hinterher sind.
Das Fernsehen kümmert sich liebevoll um seine Zuschauer – so scheint es auf den ersten Blick. Ist das Kind allzu garstig, kommt die „Super Nanny“ vorbei. Läuft das Restaurant nicht, steht Christian Rach vor der Tür. Versinkt wer im Schuldenberg, hilft Peter Zwegat. Braucht die Wohnung einen neuen Anstrich, hilft Tine Wittler. Auch wer einen schlecht gehenden Friseursalon hat, die große Liebe sucht, mal sein Leben mit jemand anderem tauschen will, irgendwie sowieso vom Schicksal gebeutelt ist, für den gibt es stets die passende Sendung. Ach, wenn es doch so einfach wäre.
In meinem Magazin Fernsehkritik-TV habe ich inzwischen mehrmals Fälle dokumentiert, in denen Menschen vom Fernsehen schlichtweg für dumm verkauft wurden. Und mehr noch: Manchmal ist gar der Ruf ruiniert. Christian aus Leipzig, so zeige ich in Folge 40, wäre dank einer Fernsehsendung um ein Haar obdachlos geworden. Er nahm, trotz eindringlicher Warnungen seiner Freundin, an der Dokusoap „Schluss mit Hotel Mama“ (Kabel 1) teil. Darin geht es um angebliche Stubenhocker, die immer noch zu Hause wohnen und sich von Mutti bedienen lassen. Sie werden in eine eigene Wohnung umgesiedelt und müssen dort auf eigenen Beinen stehen. Das Problem war nur: Christian musste nach einem Monat aus der Wohnung wieder raus. Kaum hatte das Kamerateam alles im Kasten, war es der zuständigen Redaktion offenbar egal, was aus ihm wird.
In Folge 35 habe ich das Schicksal der Familie Holländer dokumentiert. Frau Holländer nahm als Tauschmutter an der Dokusoap „Frauentausch“ (RTL 2) teil. Sie konnte während ihrer Abwesenheit in der anderen Familie nicht ahnen, was währenddessen bei ihr zu Hause abging: Ehemann Mario schmiss das Fernsehteam mehrmals raus, er kam am Ende gar nach einem Zusammenbruch ins Krankenhaus. Das TV-Team wollte Familie Holländer als asozial und dreckig hinstellen und verschmutzte rücksichtslos die Wohnung der Familie. Wehren konnte sich Herr Holländer dagegen nicht – denn er hatte ja einen Knebelvertrag unterschrieben. Spurte er nicht so wie die Redakteurin es wollte, wurde ihm sofort mit einer hohen Vertragsstrafe gedroht. So etwas erfüllt den Tatbestand der Nötigung.
Es will Geschichten erzählen, die aussehen wie das wahre Leben, aber damit nur wenig zu tun haben. Also muss nachgeholfen werden. Die Protagonisten müssen ihre Statements vor der Kamera mitunter dutzende Male wiederholen – bis sie das sagen, was ihnen vorgegeben wird. Denn nicht sie selbst sind Inhalt solcher Sendungen, sondern ein dramaturgisch vorgefertigtes Script. Die handelnden Personen sind lediglich ein Werkzeug, das eingesetzt wird, sobald ein Sender es fest im Griff hat.
Mittlerweile folgt die nächste Stufe des Absurden: gescriptete Dokusoaps, wie sie etwa nachmittags bei RTL und PRO 7 laufen. Hier arbeitet man von vornherein mit Laiendarstellern, lässt aber alles wie eine reale Doku wirken. Das Fernsehen baut sich einfach seine eigene Realität. Es will uns eine Welt vorgaukeln, in der etwa Jugendgewalt, asoziale Verhaltensweisen und Dialoge nach Drehbuch das wahre Leben darstellen. Die Quotenerfolge solcher gefakten Sendungen wie etwa „Familien im Brennpunkt“ lassen langsam wirklich am Verstand unserer Fernsehnation zweifeln. Wie tief muss das Fernsehen noch sinken, damit das Volk sich endlich von ihm abwendet?
Holger Kreymeier
Holger Kreymeier ist Fernsehjournalist in Hamburg, der u.a. die Website www.fernsehkritik.tv betreibt.
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