Es gibt keine Regeln. Ein Hippie-Format.
Ich habe gerade einen neuen Zweijahresvertrag unterschrieben, bei soviel Geld konnte ich einfach nicht «nein» sagen. Hätten Sie auch nicht gekonnt - Interview mit Matthias Matussek (exklusiv)
28.02.2008 01:17 Uhr
Matthias Matussek hat gerade den Prometheus, den Oskar der Blogger, gewonnen. medienhandbuch.de interviewte ihn zu seinem Blog, Online-Journalismus und Wikipedia. Heraus kam ein sehr kurzweiliges Interview: ...
Matthias Matussek hat gerade den Prometheus, den Oskar der Blogger, gewonnen. medienhandbuch.de interviewte ihn zu seinem Blog, Online-Journalismus und Wikipedia. Heraus kam ein sehr kurzweiliges Interview:
medienhandbuch.de:
Glückwunsch Herr Matussek, Sie sind Online-Journalist des Jahres und haben den Prometheus, den Oskar der Blogger, gewonnen. Wie ist das für einen Journalisten, der eigentlich aus dem klassischen Print-Bereich kommt?
Matthias Matussek:
Eine große Anerkennung, für mich und meinen Partner Jens Radü, weil der "Prometheus ein wirklicher Journalistenpreis ist, einer der Branche, und weil ich starke Mitkonkurrenten hatte. Find ich toll, dass von den Kollegen anerkannt wurde, dass hier was ganz Neues entstanden ist. Hier ist das Schreiben zwar wichtig, aber die optische Umsetzung und Präsentation auch, und da kommt Jens Radü ins Spiel. Der Sache kommt entgegen, dass wir Spaß haben dabei
medienhandbuch.de:
Ihr Videoblog konzentriert sich auf das reine Bewegtbild. Texte und andere Web 2.0 Komponenten spielen keine bzw. nur eine geringe Rolle. Warum? Ist Videoblogging die Zukunft des Online-Autorenjournalismus?
Matthias Matussek:
Die Ausgangsidee war von vornherein die Video-Kolumne. Aust, der meine Soli insgeheim wohl gut fand, sie aber immer auch eindämmen wollte, hatte zur Maßgabe gemacht: Nichts persönliches, nicht "ich sagen, auf Kulturempfehlungen beschränken. Tja, und bereits nach zehn Folgen waren wir beim inneren Monolog, und kurz darauf habe ich mich ausgezogen, umgezogen für Bayreuth, ist übrigens sehr oft geclickt worden, denken Sie sich, was Sie wollen. Dieser Blog hat sich sehr schnell in alle Richtungen entwickelt. Mal ist es der leidenschaftliche Kommentar vor der Bücherwand. Dann ist es ein kleiner Krimi in Haifa. Dann ein Streifzug durchs Netz. Ein Gruselschocker vom Brocken. Ein Puppenspiel zum Regietheater. Ein Erlebnis aus Rio mit Filmchen vom Ipanema-Strand. Dann ein Interview an Peter Zadeks Krankenbett oder ein Essen mit Walser. Teilweise ist das Nina Ruge für die Kulturszene, teilweise reine Satire. Es gibt keine Regeln. Ein Hippie-Format. Macht Spaß. Der Kress-Report schrieb, das sei wie TV, als es Harald Schmidt noch Spaß machte. Natürlich sind Welten dazwischen, aber ich glaube, das Anarcho-Vergnügen ist das gleiche.
medienhandbuch.de:
Was zeichnet Ihrer Meinung nach einen erfolgreichen Online-Videoblog unter journalistischen Kriterien aus? Was sollte er vermeiden?
Matthias Matussek:
Meiner Ansicht nach gibt es da keine Regeln. Er wird immer einen Kommentar zur Welt enthalten, die reine Nachricht ist zu wenig. Er ist also persönlich. Er kann sich an einer Aktualität entzünden, oder immer wiederkehrende Themen haben. Ich habe mich im letzten Sommer intensiv mit der deutschen Romantik beschäftigt. Also gab es Hölderlin-Gedichte, Schiller-Aufführungen, Safranski-Interviews, Beobachtungen zur romantischen Erregung in Heiligendamm und Rostock und so weiter. Das Kriterium sollte sein, dass man sich was Neues einfallen lässt.
medienhandbuch.de:
Wie häufig wird Ihr Blog monatlich durchschnittlich aufgerufen und was wissen Sie über Ihre Besucher?
Matthias Matussek:
Rund 15000 - 20000 mal die Folge, im Monat rund 80000 Abrufe. Weil wir nicht in die Tagesaktualität gehen sondern oft einfach auch Kabarett machen, werden die älteren Folgen immer noch angeklickt. Das läppert sich. Die "Gala zu meinem 50-sten Blog ist immer noch ein Renner.
medienhandbuch.de:
Es gibt immer mehr Fachleute, die dem klassischen TV durch das Bewegtbild im Internet ein mittelfristiges Ende prognostizieren. Stimmen Sie dieser These zu?
Matthias Matussek:
Es deutet einiges darauf hin. Ich glaube, es sitzen nur noch alte Leute wirklich vor dem Fernseher. Von meinen Freunden sind die meisten größtenteils im Netz unterwegs. Nun habe ich nicht sehr viele Freunde, deshalb ist das wohl nicht repräsentativ.
medienhandbuch.de:
Ein Großteil der Journalisten nutzen zur Basisrecherche Google und Wikipedia. Bedeutet das nicht automatisch eine Verflachung des Qualitätsjournalismus? Wie viel investieren Sie persönlich heute noch in die persönliche Recherche im Vergleich zu früheren Zeiten?
Matthias Matussek:
Ich find die genannten Dienste ganz praktisch und nutze sie oft, natürlich mit der gebotenen Vorsicht. In meinen Videoblogs ist vieles persönliche Recherche, weil der Witz ja darin besteht, dass ich vor Ort bin, also in Cannes, auf der documenta, in Salzburg oder Bayreuth.
medienhandbuch.de:
Immer mehr Kollegen von Ihnen - nicht nur beim Spiegel - trauen sich vor die Kamera und basteln an ihrem persönlichen Videoblog. Welche dieser Blogs können sie empfehlen?
Matthias Matussek:
Martenstein macht das ganz cool bisweilen. Gehrs find ich zu besessen. Jessen hat mit Recht abgebrochen. Wickert macht das im Prinzip wie bei den Tagesthemen, ganz charmant, nicht mein Stil.
medienhandbuch.de:
Werden wir in 5-10 Jahren eine eigenständige Ausbildung zum Online Videojournalisten oder -moderator haben oder wird dies eine Facette der allgemeinen journalistischen Ausbildung sein?
Matthias Matussek:
Gut möglich, dass so was dann mal analysiert und strukturiert wird. Das ist ja doch sehr am Anfang. Kai Dieckmann hat das jetzt nachgemacht, mit der kleinen Digi-Kamera rein ins Gemenge, das wird jetzt ein Massensport werden. Aber es kommt eben auch darauf an, was man mit diesen kleinen Filmchen macht, und da haben wir immer ganz witzige Ideen.
medienhandbuch.de:
Gibt es Pläne zum Ausbau ihres Videoblogs für 2008?
Matthias Matussek:
Billboards. Kinowerbung. TV-Spots. Spiegel-online will jetzt richtig klotzen. Ich habe gerade einen neuen Zweijahresvertrag unterschrieben, bei soviel Geld konnte ich einfach nicht "nein" sagen. Hätten Sie auch nicht gekonnt.
medienhandbuch.de:
Wikipedia startet Ihren Eintrag mit den Worten "Matussek ist ein deutscher Journalist und Publizist, der durch seinen streitbaren Konservatismus und Patriotismus für Aufsehen sorgte". Würden Sie das so unterschreiben?
Matthias Matussek:
Das ist sehr ärgerlich, aber ich bin machtlos. Jeder kann da reinschreiben was er will, denn konservativ ist nur die Hälfte. Die andere Hälfte ist die Verteidigung der Träume, die ganz leidenschaftliche Parteinahme für alle, die was riskieren. Manchmal übrigens riskiert man mit konservativen Positionen am meisten, und da beginnen sie, mich zu interessieren.
Das Interview mit Matthias Matussek führte Oliver Hein-Behrens.
Matusseks Kulturtipp Videoblog bei spiegel.de
medienhandbuch.de
chefredaktion@medienhandbuch.de
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