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Schreie und Hilferufe und keiner reagiert

Kommentar: Wo ist die Meinungsfreiheit? - Bedenkliche Fragestunde einer Demokratie (exklusiv)

20.09.2007 11:20 Uhr

Man stelle sich vor: Ein Ex-Bundeskanzlerkandidat, der sehr knapp die Wahl verloren hat, hält an der Uni Hamburg eine Rede, wo es u.a. auch um Meinungsfreiheit geht ...

Man stelle sich vor: Ein Ex-Bundeskanzlerkandidat, der sehr knapp die Wahl verloren hat, hält sehr viel später an der Uni Hamburg eine Rede, wo es u.a. auch um Meinungsfreiheit geht. Mikrofone stehen im Saal. Ein Student fasst sich nach längerer Zeit ein Herz und stellt langatmig und nervös eine provokante Frage an den Ex-Bundeskanzlerkandidaten, wieso dieser die Wahl so einfach verschenkt hätte, obwohl er doch der eigentliche Wahlsieger gewesen sei.

Man versucht, ihm das Mikrofon zu entreißen. Er lässt es nicht zu. Dann brechen plötzliche alle Dämme und Sicherheitskräfte stürzen sich auf den Mann und "bearbeiten" ihn nach einer Weile öffentlich mit einem Elektroschocker, um ihn zur Ruhe zu bringen und zu verhaften - minutenlang. Unter Schreien und Hilferufen.

Dokumentation des Vorfalls bei Youtube:

Unvorstellbar? In der USA, dem Mutterland der Demokratie leider so geschehen! Auf dem Campus der Universität von Florida, dem Staat, in dem der Bruder von Präsident Bush Senator ist und der den Wahlsieg bestimmt hat. Mit Senator John Kerry, im vergangenen US-Wahlkampf demokratischer Herausforderer von Präsident George W. Bush.

Bedenklich vor allem dabei die Reaktion der Studenten und des Senators: Es gab keine! Als der Publizistik-Student Andrew Meyer in den Schwitzkasten genommen wurde und vor Schmerzen schrie, half ihm niemand in der vollbesetzten Aula. Auch nicht, als man das Knistern der Elektroschocker hört. Nur Handies wurden gezückt, um das ganze mediengerecht zu dokumentieren. Wo ist der Bürgersinn geblieben, der Wille zur Gerechtigkeit, der die USA weltweit so anerkannt und respektiert gemacht und selbst den Feinden zumindest in Bezug auf die Meinungsfreiheit den Wind aus den Segeln genommen hat? Ich sehe ihn in dieser Szene leider nicht.

Nun gibt es für die USA durch diesen kleinen Vorfall ein großes Image-Problem. Viele Bush-Kritiker fühlen sich bestätigt, dass Bush dem Mutterland der Demokratie seine Glaubwürdigkeit genommen hätte. Für radikale Politiker ist der US-Präsident sowieso schon lange der "Antichrist" und der Uni-Skandal nur ein Beleg für die Aufhebung der Meinungsfreiheit in den USA.

Dass dem natürlich nicht so ist, zeigen die immer massiver werdenden öffentlichen Diskussionen und auch die Kritik an Präsident Bush und dessen Politik. Deshalb wäre es vollkommen falsch, zu behaupten, die USA wären kein demokratisch regiertes Land mehr. Genauso falsch, wie zu schweigen, wenn jemand vor seinen Augen mit Elektroschocks gequält wird.

Ein Kommentar von Oliver Hein-Behrens

Links zum Thema

Reaktion: Studentenproteste in Florida
http://www.journalist-und-optimist.de/mit-elektroschocks-gegen-studenten/

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