Internet Screen-Design - quo vadis? Ist die Gestal
Screen-Design: «Amazon und eBay wollen nicht schön sein» - Interview mit Cyrus Khazaeli (exklusiv)
23.06.2005 09:41 Uhr
Internet Screen-Design - quo vadis? Ist die Gestaltung von Internetseiten zu einem schnöden Handwerk nach Ergonomieregeln ohne kreativen Spielraum geworden? Welche Regeln gelten heute für gutes Screen-Design? Diese und weitere Fragen stellte medienhandbuch.de exklusiv dem Fachbuchautor Cyrus Khazaeli. Das ganze Interview: ...
medienhandbuch.de:
Herr Khazaeli, sie sind seit 1995 als Dozent für Screen-Design im Internet tätig und Autor von zwei Fachbüchern zum Thema. Ich habe den Eindruck, dass sich in den letzten drei Jahren wenig innovatives getan hat in diesem Bereich. Irre ich mich da?
Cyrus Khazaeli:
Heute ist innovativ etwas völlig anderes als zu Zeiten von New Ökonomie oder davor. Ich erinnere mich, dass zu Beginn der neunziger , als ich noch studiert habe, ein Student E-Mail Schreiben als einen künstlerischen Akt verstand. E-Mail Schreiben eröffnete ihm die Möglichkeit eine völlig neue virtuelle Existenz anzunehmen. Er fand dies so absonderlich, dass er darin zugleich eine Form von originärer künstlerischer Selbstinszenierung sah. Irgendwie war zu der Zeit alles etwas Besonderes. Heute erscheint uns vieles banal. Eine der ersten Websites vom Stern orientierte sich an der Metapher eines Cockpits. Heute ist dies doch bestenfalls lustig und auch ein wenig doof. Die Inhaltsangabe einer Zeitschrift in einem Cockpit einzubauen und zu denken: "Dies sieht doch toll aus, das ist ein cooles innovatives Projekt. Niemand kann mit den Arbeiten, die er vor vielleicht vor fünf Jahren gemacht heute noch Aufsehen erregen oder sich irgendwo bewerben. Und was bedeutet dies? Es bedeutet, dass die Revolution fast unbemerkt weitergegangen ist. Konzepte im Interfacedesign sind heute viel differenzierter und raffinierter. Bei Wikipedia wurde das Konzept eines kollektiven Textes in Form von hunderttausenden, vernetzten Einzelbeiträgen realisiert und man kann die verschiedenen Überarbeitung eines jeden Beitrags in all seinen Stadien zurückverfolgen. Im Open Business Club können sich Freunde von Freunden kennen lernen. Dies sind innovative Konzepte, die sogar funktionieren.
medienhandbuch.de:
Funktionalität und Screen-Design - ist das ein Widerspruch, oder müssen wir uns daran gewöhnen, dass E-Commerce-Sites wie Amazon oder Ebay keine Screen-Design-Schönheitspreise gewinnen können?
Cyrus Khazaeli:
Amazon und eBay wollen nicht schön sein. Schönheit will immer auch die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und das kann störend wirken. Die Neutralität und Schmucklosigkeit dieser Sites ist gewollt. Sie ist funktional und alles was in diesem Sinne funktional ist, kann zumindestens nicht hässlich sein. Aber wenn jemand Funktionalität mit Einfachheit oder sogar Einfallslosigkeit verwechselt, wie Jacob Nielsen das getan hat, und wenn er diese Meinung zum kategorischen Imperativ erhebt, dann kommt man auf diesen unnötigen Antagonismus: Einfaches funktionales Design kontra visuell orientiertem, unfunktionalem Design.
Designern gelingt es immer dann ein "ästhetischeres Design - als etwa ein nach allen Regeln der Softwareergonomie konstruiertes Design - wenn sie "bis in die Pixel hinein denken können. In einem ästhetischen Screendesign gibt es keine Willkür mehr: Jeder Pixel lässt sich aus dem visuellen Kontext und aus funktionalen Erwägungen ableiten. Arnold Gehlen nannte dies mal die "feinoptische Intelligenz des Auges" die dafür nötig ist und die ist nun mal bei einigen Gestaltern stärker ausgeprägt als bei Softwareergonomen oder Usability Spezialisten.
In meinem Buch gibt es da ein Beispiel zu comdirekt von SinnerSchrader. Das Design war vorher schon sehr funktional und schlicht, aber es wurde noch weiter optimiert, in dem die ordnenden und strukturierenden Mittel noch sensibler und effektiver eingesetzt wurden. Das Screen-Design wirkt nun noch offener, klarer und freundlicher, denn es wurde von unnötigen trennenden Elementen entschlackt. Es wirkt vor allem viel ergonomischer aufgrund der Optimierungen im Detail. Dazu muss man mit dem Auge denken können. Für mich hätte dies auch einen Schönheitspreis verdient.
medienhandbuch.de:
Welches waren für sie die Milestones im Internet Screen-Design und warum?
Cyrus Khazaeli:
So habe ich das noch nicht betrachtet, aber wenn ich früher sehen wollte, was an der forderster Front passiert, dann bin ich öfters auch mal auf die Website von Audi. Die wird seit Jahren von Metadesign in Berlin gemacht. Die haben früh begriffen, dass Interfacedesign auch Corporate Design und Markenkommunikation sein muss. Die haben beispielsweis als einer der Ersten auf die Unterstreichungen bei Verweisen verzichtet. Angeblich ist das ja kein gutes Usability, weil Unterstreichungen doch so schön selbsterklärend und erwartungskonform sollen. Es hat dennoch funktioniert. Dann haben sie schon sehr früh die Länge der Lesetexte auf Bildschirmhöhe gekürzt, weil niemand gerne scrollen möchte. Und auch das war zugleich funktionaler und sah auch optisch besser und markengerechter aus. Bei Audi kann man designorientiertes, pixelgenaues Gestalten studieren, dass zugleich der Usablity und der Markenkommunikation dient.
medienhandbuch.de:
Haben sie eine Faustformel für die Mindestanforderungen an gutes Screen-Design?
Cyrus Khazaeli:
Vor kurzem habe ich in der Hamburger U-Bahn etwas Deprimierendes gelesen. Da bietet ein Hamburger Bildungsinstitut eine Lehre zum Feinmechaniker und zum Screendesigner an. Und vielleicht haben die sogar recht. Angesichts der Fülle an Information im Web braucht man eine große Menge an Bildschirmseitenhandwerken. Aber diese würde ich dann nicht Screendesigner, oder zumindestens nicht Interfacedesigner nennen. Also die Mindestanforderungen an einen Designer sind immer noch, dass er in der Lage ist, etwas Eigenes zu entwerfen.
medienhandbuch.de:
Welches sind ihre aktuellen Lieblingssites und warum? Möchten sie auch Negativ-Beispiele nennen?
Cyrus Khazaeli:
Vielleicht liegt es daran das man älter und erfahrener wird, da meidet man Negativ-Beispiele instinktiv oder vergisst sie ganz schnell wieder.
medienhandbuch.de:
Welches sind ihrer Meinung nach neue Formen des Screen-Designs mit strategischen Dimensionen?
Cyrus Khazaeli:
Gibt es denn ein strategisches Design als solches? Ich erinnere mich noch an die "Mangentarevolution", so wie das mal von der Telekom genannt wurde, als sie damals noch die alte Post war. Das war eine strategisch langfristig geplante visuelle Entscheidung. Aber das Design selber hat ja keine strategischen Qualitäten. Die interessantesten Sachen die ich in diesem Jahr in Berlin gesehen habe waren Video Performances in Clubs, wie etwa von "Flora und Fauna oder den "Pfadfindern. Und es waren Projekte, die mit neuen Eingabe und Ausgabeinstrumenten spielen. Jetzt, wo in vielen Bereichen Screendesign anscheinend zu einem Handwerk nach Ergonomieregeln geworden ist, sucht sich die visuelle Kreativität neue Entfaltungsmöglichkeiten. Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit bis auch diese Entwicklungen die jetzt etablierten Konzepte des Screendesigns neu beleben werden. Ich glaube, dass nun doch nach den Jahren der Pixel-Perfektion vieles am Bildschirm filmischer, freier und fließender werden wird. Es werden wieder die Künstler und engagierten Designer sein, die durch ihre Inspiration die aktuellen Vorstellungen von Ergonomie erweitern werden und dies wird man natürlich auch irgendwann ökonomisch-strategisch zu nutzen wissen.
medienhandbuch.de:
Welches sind die Schwerpunkte ihres aktuellen Buches und was ist neu daran?
Cyrus Khazaeli:
Ein Ansatz in meinen Vorlesungen und Workshops war immer, die Studenten und vor allem die Designstudenten dazu zu bringen, nicht so sehr auf Gefälligkeit in der Gestaltung zu achten sondern ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, das Design auch die oft komplexen inhaltlichen und funktionalen Zusammenhänge einer Website, eines Informationssystems oder einer Software sichtbar machen sollte. Dies nenne ich dann "kognitives oder auch "systemisches Design. Und die wesentliche Grundlagen für dieses Bewusstsein und eine solche Sensibilisierung kommen aus der Psychologie, nicht unbedingt aus der Softwareergonomie, die nur alles mit Regeln verbaut. Der Zusammenhang zwischen Interfacedesign und Psychologie ist von daher auch das Thema dieses Buches. Dabei wollte ich die vielen Einsichten der Psychologie darüber wie wir Wahrnehmen, Denken und Handeln möglichst anschaulich und anwendbar machen und habe viele Beispiele recherchiert, die diesen Ansatz illustrieren. Design kann für mich auch eine Wissenschaft sein, eine interdisziplinäre Verbindung aus Kunst und Wissenschaft und wenn man die Experimente und Einsichten aus dieser Verbindung pragmatisch anwendet, dann ist es eben auch ein Handwerk. Was die Optik des Buches anbetrifft so ist daraus dann eine Kreuzung zwischen einem Fachbuch und einem Bildband entstanden.
Das Interview mit Cyrus Khazaeli führte Oliver Hein-Behrens.
medienhandbuch.de
Oliver Hein-Behrens
chefredaktion@medienhandbuch.de
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