Der umstrittene Spot und ein Kommentar
Trotz Luther- und Scholl-Missbrauch: Lasst ARD und ZDF doch ihr Internet! (exklusiv)
15.10.2008 20:06 Uhr
Mit allen Mitteln kämpfen ARD und ZDF derzeit um freie Bahn für ihren Internet-Auftritt. Für ihren Image-Spot (Film siehe unten!), im dem sie die Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl sowie Martin Luther instrumentalisieren, ernteten sie zuletzt heftige Kritik. Aber warum dürfen ARD und ZDF das Internet denn nicht so nutzen wie sie wollen? Ist es nicht oft genug nur verletzte Eitelkeit der Wettbewerber?
Der umstrittene Spot auf YouTube:
Der Grund für die Kampagne ist die Änderung des Rundfunkstaatsvertrags. Falls die Ministerpräsidenten Ende Oktober den neuen Vertrag unterzeichnen, dürfen ARD und ZDF online nur Wort- und Bildbeiträge veröffentlichen, wenn es zur jeweiligen Thematik auch einen Hörfunk- oder Fernsehbeitrag gegeben hat.
Bei aller Gebührenproblematik. Wenn man einige Berichte in unserer Qualitätspresse liest, könnte man auf die Idee kommen, dahinter steckt nicht mehr als die reine Angst vor dem eigenen Untergang. Schon zu lange spukt es im Blätterwald, dessen unermüdliche Kulturkritiker immer wieder eindrucksvoll das Schreckgespenst Internet an die Wand malen.
Spuk Nr. 1: Der Informations-Dschungel, der die Journalisten in den Bann der Recherchefaulheit zieht. Spuk Nr. 2: Ein Heer unbändiger Medien-Revolutionäre, die als Blogger den journalistischen Adel stürzen. Und der momentan rauf und runter diskutierte Spuk Nr. 3: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der im Netz gebührenfinanziert Verlagsambitionen hegt und doch nur allzu verständlich ähnliche Möglichkeiten nutzen will wie die private Konkurrenz.
Klar, Auflagen, Reichweiten und Anzeigenerlöse der Zeitungen sinken. Da könnte man den erfahrenen Printtiteln doch zumindest das Online-Feld überlassen. Da aber wiederum explodiert die Anzahl der Bürger-Journalisten und Blogger immer weiter. Und zu allem Überfluss sollen sich auch noch ARD und ZDF online frei austoben dürfen. Es ist durchaus verständlich, dass die schreibende Zunft ängstlich auf dem angesägten Thron sitzt. Aber runter mit der Krone der Eitelkeit! Ohne Gutenbergs Buchdruck, Bells Telefon oder dem Volksempfänger würden viele noch immer auf den reitenden Boten warten. Die Pressefreiheit ist nicht nur im Angesicht Chinas ein nicht zu unterschätzendes Privileg für jedermann.
Für die Journalisten gilt es, das flüchtige Netz zu beobachten und für die haltbare und verlässliche Berichterstattung zu nutzen. Da helfen auch die erweiterten Recherche-Möglichkeiten durch Google und Wikis nur begrenzt. Denn ohne mediale Kompetenz und Hintergrundwissen kann man sich den schnellen Klick sparen. Der Journalist ist mehr als der White‘sche „Gatekeeper“. Er ist vielmehr Übersetzer, Vermittler und Wegweiser. Es reicht nicht, die News-Schäfchen auszusuchen. Qualität heißt: Informationen einordnen, erklären und bewerten.
Über jeden Mitbewerber mehr sollte man sich daher doch nur freuen. Dadurch lebt die Qualität in all ihrer Breite mehr als je zuvor. Denn Qualität heißt auch: andere Meinungen akzeptieren und fördern und sich über nicht mehr als die eigene Qualität auf dem Markt durchsetzen!
Jeder – egal ob Fernsehsender oder Zeitung, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat – sollte die Möglichkeit haben, seine Beiträge über die modernen Medien zu verbreiten. Die Kommunikationskanäle ändern sich. Warum wollen wir irgendjemandem die Chance nehmen, sie entsprechend zu nutzen. Wer will nicht gerne mehr für seine Rundfunkgebühren bekommen?
Nazi-Widerstandskämpfer von ARD/ZDF für Werbung missbraucht? (medienhandbuch.de, 10.10.2008)
Der Spot auf YouTube
medienhandbuch.de
t.winkler@medienhandbuch.de
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