Die Erdmanns sind nicht echt, oder?
Ulmen.tv: Unsere Inhalte werden nicht durch ein Quotensieb gegossen (exklusiv)
02.10.2008 10:48 Uhr
Christian Ulmen hat mit Ulmen.tv ein außergewöhnliches Internet-TV-Format geschaffen. Wie ist die Reaktion darauf? Sind Online-TV-Formate refinanzierbar? medienhandbuch.de sprach mit Ulmen.tv-Autor Johannes Boss:
medienhandbuch.de:
Vor wenigen Wochen hat Brainpool mit großem Aufwand auf seiner Internet-Plattform myspass.de ihr Angebot Ulmen.tv gestartet. Wie haben Sie Brainpool vom Konzept überzeugt?
Johannes Boss:
Mit unserem Material und dem Wunsch, es online möglichst frei und kompromisslos zu präsentieren.
medienhandbuch.de:
Wie sehen die bisherigen Zugriffszahlen und das "Zuschauer"-Feedback auf Ulmen.TV aus?
Johannes Boss:
Wir sind sehr zufrieden mit den Zugriffszahlen. Entscheidend ist, dass wir schon jetzt eine gute Zahl bei den Stammzuschauern erreichen, die uns täglich konsumieren, zum Beispiel in der Mittagspause. Wir genießen das Feedback, das wir über unsere Kommentare, in Blogs, bei Twitter oder in Social Networks wie Myspace und MeinVZ beobachten. Da gibt es zum Beispiel eine Gruppe, die sich nach einem Ausspruch Alexander von Eichs benannt hat: „Kawak Kawak". Diese Gruppe hat deutlich über 1.000 Mitglieder. Solche Reaktionen sind beflügelnd.
medienhandbuch.de:
Internet-Produktionen fallen normalerweise die die wesentlich schlechtere Ausstattung und Qualität auf. Hätten sie Ulmen.TV auch ohne einen starken Partner wie Brainpool so realisieren können?
Johannes Boss:
Nein, ein starker Partner ist notwendig für unser Modell. Brainpool mit seiner kompletten Infrastruktur ist der ideale Partner.
medienhandbuch.de:
Dem Medienmagazin DWDL.de hat Herr Ulmen erklärt, dass sich das Online-Format langfristig refinanzieren lasse. Das Fernsehen stelle hier lediglich einen weiteren Verwertungskanal dar. Hoffnung oder Wissen? Sie wären meines Wissens die ersten, die das schaffen würden. Wie?
Johannes Boss:
Ehrensenf zum Beispiel hat es in Deutschland geschafft. Wir haben eine spannende Marke geschaffen, die beispielsweise auch für Sponsoring ein Thema sein wird. Auch hier sind die ersten Reaktionen erfreulich.
medienhandbuch.de:
Inwiefern sind Internet-Produktionen wirklich unabhängiger als TV-Produktionen?
Johannes Boss:
Wir genießen inhaltliche Freiheit. Unsere Inhalte werden nicht durch ein Quotensieb gegossen. Wir bespielen eine wachstumsfähige Nische, und gerade dadurch, dass wir recht zwanglos experimentieren, können unsere Formate Vehemenz und Klasse entwickeln. Das wissen unsere Nutzer.
medienhandbuch.de:
Eine ihrer Kunstfiguren ist der Adelige von Eich, der die Hartz4-Empfänger-Familie Erdmann Kletterwände hochjagt, damit sie das berufliche "Fernziel" Kassierer erreichen. Hand aufs Herz: Die Erdmanns sind nicht echt, oder?
Johannes Boss:
Lassen Sie uns das offen halten. Nur soviel: Die Blickrichtung bei „Alexander von Eich hilft" geht klar in Richtung Klettertrainer, Arbeitsvermittler oder Austausch-Beraterin. Wie reagieren diese Menschen auf Alexander von Eich und das perverse Abhängigkeitsverhältnis der Familie Erdmann zu ihm?
medienhandbuch.de:
Herr Ulmen provoziert, wie bei den Erdmanns, durch ihre Ironie sicherlich auch harte Reaktionen: Wie sehen diese aus? Hat er bereits Polizeischutz?
Johannes Boss:
Die harten Reaktionen beschränken sich auf die Situation vor der Kamera. Wobei man immer wieder ratlos feststellt, wie zahm die Menschen auf einen menschenverachtenden, in feinem Zwirn daherkommenden Sadisten reagieren, nur weil er nicht stinkt wie ein Knut Hansen oder offensichtliche kommunikative Defizite aufweist wie ein Uwe Wöllner. Jedenfalls: Nach dem Dreh klärt Christian die Situation auf. Die meisten Protagonisten sind dann verblüfft oder lachen und sehen von Übergriffen ab.
medienhandbuch.de:
Planen Sie weitere TV-Internet-Projekte in Zukunft?
Johannes Boss:
Für ulmen.tv ist keine Sendepause geplant! Wir wollen mit einem Clip pro Tag durchsenden und müssen dafür weiter produzieren. Jetzt erfinden wir neue Figuren und schicken sie wieder in die wahre Welt. Das ist eine spannende und fordernde Aufgabe.
Das Interview mit Johannes Boss führte Oliver Hein-Behrens.
medienhandbuch.de
chefredaktion@medienhandbuch.de
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