medienhandbuch.de | Wenn es hart auf hart kommt, schrecken manche Pressesprecher auch vor dreisten Lügen nicht zurück (exklusiv)



Die Situation ist und bleibt dramatisch

Wenn es hart auf hart kommt, schrecken manche Pressesprecher auch vor dreisten Lügen nicht zurück (exklusiv)

09.07.2009 10:16 Uhr

Es gibt nur wenige, die die deutsche Medien- und Kommunikationsbranche zu gut kennen wie Kai-Hinrich Renner. In einem Interview mit medienhandbuch.de gibt Renner jetzt ungeschminkte Einblicke in die aktuelle Gemütslage der deutschen Medienmanager und verrät sein TV-Lieblingsformat.

medienhandbuch.de:
Herr Renner, sie sind bekannt für ihre intensiven Blicke hinter die Medien-, Verlags- und Agenturkulissen. Wie sieht die Stimmung hinter diesen Kulissen aktuell aus?

Kai-Hinrich Renner:
Von der von manchen Medienhäusern trotz Krise zur Schau getragenen Gelassenheit bleibt, wenn man hinter die Kulissen schaut, nichts übrig. Die Situation ist und bleibt dramatisch. Im Gegensatz zu anderen Branchen ist die Talsohle auch noch längst nicht erreicht, weil die Medien nicht nur unter einer Konjunktur-, sondern auch unter einer Strukturkrise leiden. Entsprechend schlecht ist die Stimmung. Leider.

medienhandbuch.de:
2008 sagten sie in einem Interview mit Peter Turi, dass sie nicht mehr an gedruckte Branchendienste glauben und sich als Internetschreiber betrachten. Gilt das heute auch noch?

Kai-Hinrich Renner:
Die klassischen, wöchentlich erscheinenden Branchendienste wie “Kontakter” oder “New Business” leben von exklusiven News. Im Internetzeitalter müssen Nachrichten sofort veröffentlicht werden. Dass die gedruckten Branchendienste damit bis zu ihrem EVT warten, ist ein Anachronismus. Erstaunlicherweise hat bisher erst ein Dienst, nämlich “Kress”, auf diese Entwicklung reagiert: Der “Kress Report” erscheint nur noch alle 14 Tage und beschäftigt sich vor allem mit Hintergrundberichterstattung. News werden sofort auf “Kress Online” veröffentlicht.
Nicht ganz richtig ist, dass ich mich als Internetschreiber betrachte. Ich sagte Turi damals, dass ich mich auch als Internetschreiber verstehe. Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich für Print oder Online schreibe. Fast alle meine Texte erscheinen auch im Internet. Seit ich für das “Hamburger Abendblatt” arbeite, ist das Netz noch wichtiger für mich geworden. Meine Kolumne “Medien-Macher” richtet sich an ein überregionales Publikum. Da das “Abendblatt” außerhalb der Metropolregion Hamburg aber nur mit Mühe zu bekommen ist, liest ein Großteil der “Medien-Macher”-Leser die Kolumne ausschließlich online.

medienhandbuch.de:
Wie wird sich der Medienfachpressebereich mit seinen zahlreichen Angeboten wie WuV, Horizont oder Meedia in den nächsten Jahren online und offline ihrer Meinung nach entwickeln?

MeediaKai-Hinrich Renner:
Dass Sie den nicht einmal ein Jahr alten Online-Dienst “Meedia” in einem Atemzug mit Dickschiffen wie “W&V” und “Horizont” nennen, sagt doch schon alles: Die Kommunikationsfachpresse hat, mit Ausnahme von “Kress”, das Internetzeitalter komplett verschlafen. Online-Dienste wie “Meedia”, “DWDL” und “Turi2” haben das als Chance erkannt. Wenn die etablierte Fachpresse in puncto Internet nicht endlich ihre Schularbeiten macht, könnte es sehr schnell sehr eng für sie werden. Online wird weiter an Boden gewinnen, wobei eine gut gemachte Kommunikationsfachzeitschrift mit exzellenter Hintergrundberichterstattung mit Sicherheit auch in den kommenden Jahren ihre Leser findet.

medienhandbuch.de:
Ich habe das Gefühl, dass den großen Verlagen momentan echte Visionen und neue Geschäftsmodelle fehlen und sie sich daher auf die Überprüfung alter Konzepte wie z.B. Paid Content und Copyrightgebühren einschießen. Stimmt dieser Eindruck?

Kai-Hinrich Renner:
Das ist zweifelsohne richtig. Die Verlage haben sehr lange gebraucht, um zu begreifen, was das Internet für ihr Geschäft bedeutet. Immerhin haben sie jetzt zumindest eine Vorstellung von den Umwälzungen, die auf sie zukommen. Dass angesichts bedrohlicher Szenarien die Verlage Zuflucht bei, wie Sie es nennen, “alten Konzepten” suchen, halte ich zumindest für nachvollziehbar. Natürlich werden sich viele dieser Konzepte als Sackgassen erweisen. Das Problem ist nur, dass es ein auf alle Verlage übertragbares Geschäftsmodell, das ihnen das Überleben im Online-Zeitalter sichert, bisher nicht gibt.

medienhandbuch.de:
Ist es für einen Medienjournalisten in den letzten Jahren einfacher oder schwerer geworden, Hintergrundinformationen zu erhalten. Wie verhalten sich Firmen und Agenturen aktuell?

Kai-Hinrich Renner:
In wirtschaftlich guten Zeiten hat man es als Medienjournalist relativ einfach. Heute aber, in Zeiten der Krise, ist die Angst, etwas Falsches zu sagen, bei allen Akteuren der Branche riesengroß. Das betrifft auch und gerade Pressestellen von Medienunternehmen: Wenn es hart auf hart kommt, schrecken manche Pressesprecher auch vor dreisten Lügen nicht zurück.

medienhandbuch.de:
Was lesen sie morgens online und offline, wenn es um Medien geht?

Kai-Hinrich Renner:
Offline: die Medienseiten von “SZ”, “FAZ” und “Abendblatt” sowie die Medienberichte von “FTD” und “Handelsblatt”. Online: “Turi2” sowie den G+J-Pressespiegel, den ich als PDF bekomme. Im Laufe des Tages hole ich mir Updates bei “Kress”, “Meedia” und anderen.

medienhandbuch.de:
Seit April 2009 schreiben Sie für das Hamburger Abendblatt. Was macht die Medienszene Hamburg aus? Was unterscheidet sie von Berlin, München, Frankfurt?

Kai-Hinrich Renner:
Bis vor ein paar Jahren war man in Hamburg der Meinung, um die Medien müsse man sich nicht weiter kümmern. Hätschelkinder hanseatischer Standortpolitik waren der Hafen und Airbus. Dass zwei große Zeitschriftenverlage, das größte deutsche Zeitungshaus, das größte deutsche Nachrichtenmagazin, die größte deutsche Wochenzeitung, die dpa, zahlreiche namhafte Agenturen und Plattenfirmen ihren Sitz in Hamburg hatten, galt als Gott gegeben. Diese Einstellung gibt es nach der Abwanderungswelle zahlreicher Medien (“Bild”, “WamS”, Universal Music, Premiere, MTV etc. pp.) so nicht mehr. Es hat sich zweifellos manches zum Besseren verändert. Dennoch: Von der Aufmerksamkeit, die Medien und Medienmachern in Berlin und München – Frankfurt kann ich nicht beurteilen – zu Teil wird, kann man in Hamburg nur träumen. Dass die Stadt nach wie vor keinen vernünftigen Medienkongress, sondern nur den schlecht organisierten “Internationalen Mediendialog” auf die Beine stellen kann, spricht Bände.

medienhandbuch.de:
Welches ist ihr aktuelles TV-Lieblingsformat?

Zapp LogoKai-Hinrich Renner:
Das NDR-Medienmagazin “Zapp”. Seit seinem Start 2002 hat es sich ständig gesteigert. Dass die “Zapp”-Macher auch nicht davor zurückscheuen, bei Missständen, die ARD und ZDF betreffen – zuletzt beim Thema Nebentätigkeiten von TV-Journalisten – den Finger in die Wunde zu legen, spricht für die besondere Qualität dieses Magazins. Hoffentlich kann sie auch unter dem neuen Redaktionsleiter gehalten werden. Der bisherige “Zapp”-Chef Kuno Haberbusch verlässt das Magazin zur Sommerpause.

medienhandbuch.de:
Welcher deutsche Medienschaffende/Werber wird ihrer Meinung nach komplett unterschätzt?

Kai-Hinrich Renner:
Keiner. Wer als Medienmensch praktisch nicht wahrgenommen wird, nichts anderes bedeutet “komplett unterschätzt”, macht irgendetwas falsch.

medienhandbuch.de:
Welche Schlagzeile wollen sie so nie in der Bild-Zeitung sehen?

Kai-Hinrich Renner:
Die Rückkehr der Heuschrecke: David Montgomery übernimmt Springer.

Das Interview mit Kai-Hinrich Renner führte Oliver Hein-Behrens.

Kai-Hinrich Renner begann seine berufliche Laufbahn als Lokalredakteur bei der Dresdner Morgenpost und arbeitete anschließend als Redakteur bei der Zeitschrift „Wiener“. Weitere Stationen waren unter anderem die Fachzeitschrift Werben & Verkaufen sowie der Branchendienst „Kontakter“, wo er jeweils als Hamburg-Korrespondent tätig war. Des Weiteren schrieb er regelmäßig für die „Süddeutsche Zeitung“, die „Zeit“ oder „Die Woche“. Seit April 2007 war Renner Autor für Medienthemen der Welt-Gruppe. Seit April 2009 schreibt er für das Hamburger Abendblatt. (Quelle: www.mediacoffee.de).

Links zum Thema

Renner-Kolumne bei www.abendblatt.de

Kontakt / Quelle

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chefredaktion@medienhandbuch.de

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